"Unternehmen müssen in die eigene Workforce investieren"

Digitalisierung ist in den letzten Jahren zu einem wichtigen Thema in der Weiterbildung geworden. Michel Achenbach, stellvertretender Leiter der Bitkom Akademie, entwickelt mit seinem Team zukunftsorientierte Weiterbildungskonzepte und weiß, wie wichtig digitale Kompetenzen für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen sind. Im DMB-Interview spricht er über aktuelle Weiterbildungstrends, Optimierungspotenziale und die Wichtigkeit einer Veränderungskultur im Unternehmen.

 

DMB: Herr Achenbach, bitte stellen Sie uns die Bitkom Akademie einmal vor.

Achenbach: Die Bitkom Akademie existiert seit 2005 und ist Teil des Digitalverbands Bitkom. Mit jährlich über 400 Weiterbildungen in Themenbereichen wie Digitale Transformation, Big Data & KI, IT-Sicherheit, Nachhaltigkeit, Datenschutz sowie Recht & Regulierung leisten wir einen entscheidenden Beitrag zur Digitalisierung Deutschlands. Was die Bitkom Akademie auszeichnet, ist der Live-Charakter und die starke praxis- und industrienähe unserer Schulungsformate. Unsere Dozenten sind ausgewiesene Experten in ihren Themenbereichen und werden hauptsächlich aus dem Bitkom-Netzwerk rekrutiert.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung in der beruflichen Fort- und Weiterbildung aus Ihrer Sicht? Erhöht Sie den Bedarf an Weiterbildungsmaßnahmen?

Digitale Kompetenzen sind für nahezu alle Aus- und Weiterbildungswege essenziell wichtig. Der Weiterbildungsbedarf erhöht sich dabei auch branchen- und bereichsübergreifend rasant. Unsere diesjährige Weiterbildungsstudie hat gezeigt, dass viele Unternehmen das bereits erkannt haben. Ein Großteil der knapp 1.300 Befragten gaben an, dass das Weiterbildungsangebot zu „Digitalthemen“ in ihren Unternehmen „ausreichend“ ist. Das heißt allerdings nicht, dass die Angebote auch tatsächlich genutzt werden. Auch die Frage nach dem tatsächlichen Wissenstransfer digitaler Weiterbildungsformate ins eigene Unternehmen steht oftmals auf einem anderen Blatt. Hier gibt es unserer Meinung nach noch deutliches Optimierungspotenzial. Unternehmen müssen verstehen, dass sich der Weiterbildungsbedarf zu Digitalthemen nicht mit kurzweiligen Workshops und Lehrgängen decken lässt. Es geht hier vor allem darum, Berufstätigen mittel- und langfristige sowie mehrstufige Weiterbildungswege zu ermöglichen.

Welche „neuen“ bzw. zusätzlichen Qualifikationen benötigen Fach- und Führungskräfte in einer sich digitalisierenden Welt?

Sie benötigen vor allem Grundlagen- und Schnittstellenkompetenzen. Wer einfache IT-Begrifflichkeiten und -Prozesse nicht versteht, sollte auch keine größeren Innovations- und Transformationsprojekte im Unternehmen anstoßen und leiten. Das heißt nicht, dass jeder, vom Geschäftsführer bis zum Arbeitnehmer, IT-Know-how benötigt. Dennoch sollten zumindest die Personen, die im Unternehmen mit dem Innovations- und Transformationsmanagement betraut sind, eine gewisse IT-Affinität mitbringen. Hinzukommen aber noch andere Kompetenzen wie beispielsweise Expertise und Erfahrung im Bereich Change-Management, Daten und (agiles) Projektmanagement. All diese Teil-Kompetenzen sind wichtig, um Transformationsprojekte in Unternehmen von Beginn an richtig aufzustellen und nachhaltig zu gestalten. Nicht zuletzt geht es schließlich darum, eine Veränderungskultur im Unternehmen zu schaffen.  

Welche Trends sind derzeit im Weiterbildungsbereich erkennbar und wo beobachten Sie die größte Nachfrage?

Lässt man die gängigen Buzzwords aus Medien und Gesellschaft mal außen vor, so haben sich die Kernthemen nicht groß verändert in den letzten Jahren. Es geht einerseits vor allem um Fachkenntnisse zu digitalen Technologien und Programmiersprachen und andererseits um die Befähigung von Berufstätigen hinsichtlich interpersoneller (Management-)Kompetenzen. Dennoch ist vor allem ein neuer Themenbereich in diesem Jahr besonders wichtig geworden – das Thema Nachhaltigkeit. Digitalisierung und Nachhaltigkeit stehen in einer wechselseitigen Beziehung. Digitalisierung ist ein zentrales Element im Kampf gegen den Klimawandel. Nachhaltigkeit ist ein wichtiger Baustein für den effizienten, digitalen Transformationsprozess. Das haben viele Unternehmen und im Übrigen auch viele Förderprogramme des Bundes und der Länder mittlerweile erkannt.

Welche Bedeutung hat Weiterbildung in den Unternehmen derzeit? Wie entwickeln sich nach Ihren Beobachtungen die Weiterbildungsbudgets?

Unsere im Dezember 2022 durchgeführte Weiterbildungsstudie hat gezeigt, dass Weiterbildungsbudgets in Unternehmen weitgehend krisenfest sind. Die Studie belegt, dass in diesem Jahr mehr Berufstätigen ein pro Kopf definiertes Weiterbildungsbudget zur Verfügung gestellt wurde – der Anteil stieg von 57 Prozent (2021) 71 Prozent (2022). Das individuelle Budget der Berufstätigen stieg dabei um ganze 18% - von ca. 1.400 Euro (2021) auf ca. 1.700 Euro (2022). Gleichzeitig verschärft sich der strukturelle Fachkräftemangel in Deutschland weiter. Allein 137.000 IT-Fachkräfte fehlen aktuell in Deutschland. Die Nachfrage nach Fachpersonal kann aufgrund des demographischen Wandels in nahezu allen Branchen auch langfristig nicht gebremst werden. Unternehmen müssen vor allem in diesen schwierigen Zeiten die Bedeutung von Qualifizierungsmaßnahmen erkennen, insbesondere für die eigenen Leistungsträger sowie als Mittel zur Steigerung der Attraktivität der Arbeitgebermarke. Im Zusammenhang mit den Wirtschaftsprognosen für 2023 müssen Unternehmen zur Sicherung ihrer Wettbewerbsfähigkeit zwangsläufig in die eigene Workforce investieren.

Lassen sich möglicherweise auch Unterschiede hinsichtlich der Unternehmensgröße ableiten?

Wir beobachten, dass insbesondere Konzerne ihre internen Akademien systematisch ausbauen. Hier sind es vor allem individualisierte Weiterbildungskonzepte, die mittlerweile über die konzerneigene Corporate-Development-Abteilung erarbeitet werden. Das heißt, es werden nicht mehr nur Standardschulungen von externen Anbietern eingekauft, sondern verstärkt auf individuelle und langangelegte Weiterbildungsformate gesetzt, die sich an konkrete Unternehmensprojekte anlehnen. Bei kleinen und mittelständischen Unternehmen sind es oftmals noch die gängigen Weiterbildungskataloge, die, je nach Themenschwerpunkten, für die eigene Belegschaft zusammengestellt werden und aus denen Arbeitnehmer auswählen dürfen.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Achenbach!

 

Dieses Interview ist Teil von Mittelstand WISSEN zum Thema Digitale Skills von Mitarbeitern: Welche Kompetenzen wichtig sind

Bitkom Akademie | Michel Achenbach
Michel Achenbach
Leiter Bitkom Akademie & Business Development